Richtlinien für Reiten und Fahren Band 1, 1994

Die Ausbildungsskala
Gewöhnungsphase
Entwicklung der Schubkraft
Entwicklung der Tragkraft

„ die Ausbildung ist eine systematische Gymnastizierung, bei der es darum geht, das Pferd sowohl in körperlicher als auch in psychischer Hinsicht zur vollen Entfaltung seiner natürlichen Möglichkeiten zu bringen und es zu einem gehorsamen, angenehmen und vielseitig ausgebildeten Reitpferd zu machen.“

Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung , Geraderichten, Versammlung

Durchlässigkeit

„Das Erreichen der einzelnen Ausbildungsziele ist von einer vielseitigen Gymnastizierung und dem Eingehen auf die Psyche des Pferdes abhängig.“

Die Ausbildungsskala gilt für die systematische Grundausbildung des jungen Pferdes, aber auch für den systematischen Aufbau jeder Trainingseinheit jedes Pferdes, egal welches Alters und Ausbildungsstandes.

    
Takt:
Takt ist das räumliche und zeitliche Gleichmaß in allen drei Grundgangarten, Gangmaßen und Übergängen, also in Schritten, Tritten und Sprüngen.
Wir sprechen von Taktunterbrechung, wenn der Rhythmus der Bewegung in einem bestimmten Tempo oder bei Übergängen verloren gegangen ist.

Losgelassenheit:
Die Losgelassenheit beschreibt die seelische und die körperliche Zwanglosigkeit des Pferdes während der Bewegung und des Stehens. Abwesenheit von Spannung jeglicher Art.
Die Merkmale der inneren und äußeren Losgelassenheit sind
- der zufriedene Gesichtsausdruck
- der gleichmäßig schwingende Rücken
- das geschlossen tätige kauende Maul
- der getragene mit Bewegung pendelnde Schweif
- und das Abschnaufen.

     
Anlehnung:

Anlehnung ist die stete, weich federnde Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul.
Die Anlehnung wird vom Pferd gesucht und vom Reiter gestattet.
Die Anlehnung darf nie durch Zurückwirken der reiterlichen Hand erreicht werden.

„Anlehnung besteht, wenn das Pferd an das Gebiß herantritt, gleichgültig in welchem Rahmen. Erst wenn das Pferd durch erhöhte Schubkraft weiter mit den Hinterbeinen in Richtung unter den Schwerpunkt tritt, wird ist fähig und bereit sein, den Hals vermehrt zu wölben und im Genick nachzugeben, so dass die Stirn-Nasenlinie sich der Senkrechten nähert. (S.176) Wer beizuzäumen versucht, ohne diese Zusammenhänge zu berücksichtigen, wird sein Pferd in der Aktivität des Rückens und der Hinterbeine blockieren.“
„Zum Erreichen der Anlehnung werden in der Ausbildung leider viele Fehler gemacht, deren häufigste nachstehend aufgeführt sind:
• Hinter der Senkrechten
• Hinter dem Zügel
• Falscher Knick
• Auf dem Zügel
• Gegen den Zügel/über dem Zügel“

   
Schwung:
Schwung kommt von Schwingen. Schwung beschreibt die Übertragung des energischen Impulses aus der Hinterhand auf die gesamte Vorwärtsbewegung des Pferdes.

     
Gerade Richten:
Ein Pferd ist geradegerichtet, wenn Hinterhand und Vorhand auf einander gespurt sind, d.h. wenn auf gerader und gebogener Linie mit seiner Längsachse der Hufschlag abgedeckt wird. Sollte ein Pferd nicht geradegerichtet sein z. B. weil es von Natur aus schief ist, ist es die Aufgabe des Reiters, die Vorhand auf die Hinterhand einzustellen und nie anders herum, weil die Hinterhand der Motor ist und die Hinterhand das Zentrum der Bewegung.

    
Versammlung:
Die Versammlung beschreibt die Übernahme des Reitergewichts und der vermehrten Last durch die Hinterbeine bei stärker gebeugten Hanken. Die Hinterbeine treten dabei weiter in Richtung Schwerpunkt, dadurch werden die Vorderbeine entlastet und die Bewegungen freier. Der Reiter und der Betrachter haben dabei das Gefühl, dass das versammelte Pferd bergauf geht. Die Bewegungen werden eleganter, kadenzierter und kraftvoller.

     
Durchlässigkeit:
Unter Durchlässigkeit wird die Bereitschaft des Pferdes verstanden, die Hilfen des Reiters gehorsam und zwanglos anzunehmen.
Man spricht von Durchlässigkeit, wenn ein Pferd in allen Gangarten und im Halten den Hilfen des Reiters willig Folge leistet.

Der Grundsatz von Gustav Steinbrecht(1892):
Reite dein Pferd vorwärts und richte es gerade.
Dieser Satz wird als Grundlage der gesamten deutschen Reitlehre bezeichnet.

Bedenke:
Das versammelte Pferd ist stets im Takt, losgelassen, in leichter, konstanter Anlehnung, schwungvoll und in sich gerade.

    

1997

    

Richtlinien für Reiten und Fahren, Band 1, 1997

An die Hilfen stellen

„An die Hilfen stellen heißt, das Pferd mit Gewichts- und Schenkelhilfen von hinten nach vorne an das Gebiss, bzw. an die Zügelhand heranzutreiben, sodass im Halten wie in der Bewegung zwischen Reiterhand und Pferdemaul eine stete, aber weich federnde Verbindung hergestellt ist. Diese Verbindung nennt man Anlehnung. …. In allen Stadien muss die Stirn-Nasenlinie des Pferdes etwas vor oder höchstens an der Senkrechten sein, wobei das Genick der höchste Punkt bleibt. (Ausnahme: „Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen“ und Dehnungshaltung beim jungen Pferd.) ….
…. Dies ist nur möglich, wenn das Pferd losgelassen, also im Rücken frei von Verspannungen ist, im Genick nachgibt und sich treiben lässt. Dadurch wird auch das Maul des Pferdes zum Kauen angeregt. Durch die gewonnene Entspannung der Halsmuskulatur öffnen sich die Ausführungsgänge der unter den Ganaschen liegenden Ohrspeicheldrüse. Es entsteht ein Speichelfluss, der durch Kau- und Schluckreflexe den am Lippenrand erkennbaren Schaum erzeugt.“
S.95/96

Gegen den Zügel bzw. über dem Zügel

…“ Das Pferd gibt „im Genick“ nicht nach und drückt mit der Unterhalsmuskulatur bei weggedrücktem und festgehaltenem Rücken gegen die Hand.

Takt

  
Losgelassenheit

   
…. „Die Merkmale
….. – das geschlossene, tätige (kauende) Maul „ 

                                       (gibt es in der FEI erst seit 1959 ?!?)

  
Anlehnung
Man sagt auch: „Die Anlehnung wird vom Pferd gesucht und vom Reiter gestattet.“

     
…. Das Genick ist immer der höchste Punkt des Pferdes, außer wenn vorwärts abwärts in Dehnungshaltung geritten wird.

    
Die weiterentwickelte Stufe der Anlehnung wird auch als Beizäumung bezeichnet.

   

Diese Biegung im Genick (das Pferd „steht am Zügel“) ist als solche kein wesentliches Ziel der gymnastischen Ausbildung, wohl aber Folge- und Begleiterscheinung sachgemäßer Dressurarbeit.

Daher dürfen weder junge Pferde in der Grundausbildung noch ältere, fortgeschrittene Pferde in der Lösungsphase zu früh an den „Zügel gestellt werden“. Dieses Vorgehen, insbesondere ausschließlich durch Handeinwirkung erreicht, wird sich immer nachteilig auf die Losgelassenheit und Aktivität der Hinterbeine und somit auf das gesamte Ziel der Ausbildung auswirken.“
S.170/171

     
Schwung
Geraderichten
Versammlung
Durchlässigkeit

Gewöhnungsphase

Merke: Oberstes Kriterium jeder gelungenen Übung oder Lektion sind die Taktmäßigkeit (Taktreinheit) und die Losgelassenheit (Zwanglosigkeit).
In der Gewöhnungsphase bzw. in der Lösungsphase wird das Pferd zunächst mit leichter Anlehnung geritten, ohne aber eine Beizäumung mit der Hand erzwingen zu wollen. Sowohl das junge Pferd als auch das ausgebildete Pferd finden mit einer leichten Anlehnung am besten zu ihrem Gleichgewicht und zum taktmäßigen und losgelassenen Gehen unter dem Reiter.
Durch die treibenden Hilfen und dank einer gefühlvollen Hand des Reiters wird das Pferd an das Gebiss herantreten und die Anlehnung suchen.
Der Punkt, an dem das Pferd die Anlehnung findet, wird zunächst verhältnismäßig tief liegen. Das Pferdemaul ist dabei etwa in Höhe der Buggelenke. In dieser Haltung wird die gewünschte Dehnung und Entspannung von Hals- und Rückenmuskulatur am besten möglich.

Entwicklung der Schubkraft
….
Anlehnung besteht, wenn das Pferd an das Gebiss herantritt, gleichgültig in welchem Rahmen. Erst wenn das Pferd durch erhöhte Schubkraft weiter …, sodass die Stirn-Nasenlinie sich der Senkrechten nähert. …

Zum Erreichen der Anlehnung werden in der Ausbildung leider viele Fehler gemacht, deren häufigste nachstehend aufgeführt sind:

Hinter der Senkrechten
Geht ein Pferd durch starke Handeinwirkung des Reiters mit der Stirn-Nasenlinie hinter der Senkrechten, liegt entweder ein momentaner Fehler in der Hilfengebung oder ein deutlicher Fehler in der bisherigen Ausbildung vor.
…..
Hinter dem Zügel
Auch bei diesem Fehler ist die Stirn- Nasenlinie des Pferdes hinter der Senkrechten, allerdings mit dem zusätzlichen Mangel, dass das Pferd die Zügelhilfen nicht annimmt, sondern diesen rückwärts ausweicht. Das Pferd tritt also nicht an die Hand heran. Oftmals ist dieser Fehler mit dem „falschen Knick“ verbunden.
….
Nur bei entsprechend weicher, elastischer und tiefer Hand wird das so genannte „Vorschieben der Pferdenase“ gelingen. Es darf auf keinen Fall versucht werden, das Pferd durch eine höhere Hand „heben“ zu wollen.

Falscher Knick
Der Reiter hat versucht, die Anlehnung mit rückwärts wirkenden Händen zu erzwingen. Der höchste Punkt ist nicht mehr zwischen den Pferdeohren im Genick, sondern im ersten Teil des Halses, in der Regel zwischen dem dritten oder dem vierten Halswirbel zu finden. Dies ist ein schwerwiegender Fehler, der, wenn überhaupt, nur durch sehr langfristige und konsequente Gymnastizierung wieder abzustellen ist. …

Das Pferd muss wieder lernen, die obere Halslinie zu dehnen und an das Gebiss heranzutreten.
S. 177                                      (Meines Erachtens falsch, nicht die obere sowieso schon überdehnte Verspannung muss gedehnt werden, sondern die Untere Halsmuskelatur ist kontraktiert und verkürzt.  Sibylle wiemer)

Entwicklung der Tragkraft

… Die Höhe der Anlehnung steht in direkter Beziehung zum Versammlungsgrad und wird als relative Aufrichtung bezeichnet…. Diese Hals- und Aufrichtungsformen ergeben sich bei richtiger Ausbildung von selbst.
Dagegen steht als fehlerhaft die so genannte absolute Aufrichtung, die überwiegend mit der Hand herbeigeführt wird. Dabei trägt sich das Pferd nicht selbst, sondern Kopf und Hals werden von der Hand des Reiters getragen, die Rückentätigkeit wird gestört und somit die Aktivität der Hinterhand eingeschränkt.
S. 184

Schulung im Schritt

… Eine zu frühe Forderung der Anlehnung oder gar eine Formung des Pferdes im Schritt mit den Händen kann zu erheblichen Störungen im Takt, im Raumgriff, wie auch zu Problemen in der Losgelassenheit führen. Diese Fehler sind in der späteren Ausbildung nur schwer zu korrigieren. …

S. 107

Unter Biegung wird eine Krümmung der Längsachse verstanden. Dabei soll der Pferdekörper, soweit anatomisch möglich, gebogen werden. Eine gleichmäßige Längsbiegung von Kopf zum Schweif ist nicht erreichbar, da die Wirbel unterschiedlich beweglich sind. Die Wirbelsäule ist im Bereich der Halswirbelsäule am beweglichsten, im Bereich der Brustwirbel begrenzt biegsam und auf Grund der Verknöcherung im Bereich des Kreuzbeins starr.


Der Reiter darf deshalb das Pferd im Hals nicht zu stark abstellen, sondern muss auch auf eine gute Biegung in der Rippenpartie um den inneren Schenkel achten.

(Hä? erst Erklärung, warum das Pferd im Rippenbogen nicht biegsam ist und dann soll mein innerer schenkel die Biegung herstellen ??

Vielleicht als Signal - oder als Gefühl, wenn das Pferd gebogen ist ?!?  S.Wiemer)