Jasper

            

Jasper mit Berit im Juni 2009 bei der Ankunft in Vethem

   

Jasper im Juli 2010 mit Susanne in Fintel

Im Sommer 2009 ging das Telefon,

man habe auf dieser Webseite gelesen, dass ich mich um traumatisierte Pferde kümmere.

Ich hörte von einem 7jährigen Hannoveraner, der sehr schwierig zu reiten sei.
Berit und ich fuhren in diesen Stall, um uns Jasper nur einmal anzusehen. Meine Position war klar, mein Geldbeutel sagte klar, NEIN und mein Verstand sagte ebenfalls, dass ich mich derzeit nicht um ein weiteres Pferd kümmern könne.

                        
Am nächsten Tag waren wir mitten in den Verhandlungen um Jaspers Übergabe. Seine freundliche, menschenzugewandte Art, seine guten Grundgangarten, seine Jugend und seine treuen Augen hatten alle guten Vorsätze in den Wind geschlagen.
Jasper verfügt über eine hervorragende Abstammung. Er ist eng mit Rembrandt, Ahlerich und Rubinstein verwandt.

                             
Er galt als unverkäuflich, da er zwar Turniererfolge vorweisen konnte, jedoch beim Aufsteigen „immer durchging“. Er war bei einigen Profis im Beritt, aber man konnte ihn nur mit Hilfe einer Nasenbremse oder kraftvollem Festhalten besteigen. So war sein Marktwert kontinuierlich gefallen. Die Züchterin seufzte beim Berechnen der Kosten und sie litt: „Ich züchte seit mehreren Jahrzehnten. Wenn ein Pferd Probleme bereitete, habe ich nie an dem Ausbildungssystem oder der Behandlung des Pferdes gezweifelt. Ich habe nur versucht, besser zu züchten. Mein Produkt musste besser werden, nicht das Reiten anders.“
                  
Jasper war 7 Jahre alt. Wir haben viel liebe Menschen gebeten, uns bei der Anschaffung und den bevorstehenden Behandlungen zu unterstützen. Karin Kattwinkel, die Leiterin von Equo Vadis in Vethem und ich haben Absprachen getroffen und alles daran gesetzt, diesen liebenswerten Wallach wieder gesund und lebensfroh zu machen.

                         
Die Ankaufsuntersuchung brachte diverse „Baustellen“ zutage. Am auffälligsten war eine sogen. Thoraxdrehung.

                   

Jasper - von 2 Seiten so gerade wie möglich gehalten

                        
Der Widerrist war deutlich nach rechts gekippt, als Folge konnte Jasper nicht auf seinen vier Beinen stehen. Er hob immer ein Bein hoch. Die Spannung in seinem Körper war einfach zu groß. So groß, dass er nicht gerade rückwärts gehen konnte.

                      

Jasper - in der damals für ihn typischen Schiefe

                                          
Diese Diagnose reichte schon aus, um sich vorzustellen, wie viel Schmerzen er besonders beim Aufsteigen ertragen hatte. Es ist echt verwunderlich, wie ein Pferd mit diesem Problem noch Turniererfolge erringen kann.
Wie viel Schmerzen kann ein Pferd aushalten?

Es ist unvorstellbar, das niemand während seiner dreijährigen Ausbildung eine chiropraktische oder osteopathische Behandlung gefordert hatte.
Jasper muss ungeheure Schmerzen im Rücken gehabt haben.

Für uns war besonders erschreckend, dass er „erstarrte“. Wenn man den Rücken abtastete, ging er buchstäblich in die Knie. Wenn man dieses wiederholte, reagierte er gar nicht mehr. Das ist eine in der menschlichen Traumatherapie häufig zu beobachtende Verhaltensweise. Eine besondere Form von Verdrängung, der Traumatisierte ignoriert wiederkehrende Schmerzen.
Der Wallach blieb zunächst bei Karin in Vethem, er wurde auf unterschiedlichste Weise behandelt und in den folgenden Monaten an der Doppellonge gearbeitet.
In der ersten Akupunktur wurde der Herz-Meridian behandelt. Jasper reagierte deutlich auf die Behandlung.

 
(vorher und nachher)

Behandlung: Frau Dr. Mareike Bollhorn

            



Anfang Dezember konnte man mit reinem Gewissen Jasper als physisch gesund bezeichnen, jedoch machte Karin sich Sorgen um seine seelische Genesung. So beschlossen wir, Jasper nach Fintel zu holen, um ihm den ganz normalen Reitbahnalltag erleben zu lassen. Er kam Mitte Dezember.

Jasper lernt Herbert kennen

Er kam in eine Wallachherde mit zunächst vier Pferden, die Weidezeit ist 10 bis 17 Uhr. Durch den langen Winter war viel Bewegung nicht möglich, aber nach dem Winter zeigte sich sehr deutlich wie verspielt und bewegungsfreudig Jasper ist.
Wir begannen zwei Arbeitsgänge. Morgens haben wir Jasper longiert, am Boden oder in der Hand gearbeitet. Am Nachmittag, und das war der aufregende Teil für ihn, galt es, das Treiben in der Reithalle zu beobachten.

    Jasper am Staunen

          

Voltigieren, Reiten in Gruppen und das Auf- und Absteigen. In den ersten Tagen zitterte Jasper an den Beinen vor Angst. Wenn beispielsweise ein Kaltblüter mit der Gerte mehr vorwärts gebracht wurde, zuckte er zusammen, und wenn dies in seiner Nähe passierte, wollte er weglaufen. Er fürchtete sich vor der Gerte als solches, für ihn hatte der Einsatz keinen Sinn oder Zusammenhang. Er fürchtete sich vor allem, was von oben kam. So musste er wochenlang lernen neben dem Aufsteiger zu stehen, wenn Menschen die Treppen auf oder ab steigen. Von Aufsitzen war keine Rede.
In diesen Wochen wurde sein eigentliches Trauma sehr deutlich: es war das Aufsitzen per se.
Ende Januar nach einigen Wochen der scheinbaren Stagnation kam der entscheidende Durchbruch: wir konnten vom Aufsteiger aus ein Bein über seinen Sattel legen, auf den Sattel drücken oder klopfen. Er blieb ruhig stehen, wenn wir „über ihm waren“.
Anfang Februar kam der große Tag. Wir hatten mit Jasper mittlerweile Elemente der Arbeit nach PNH gearbeitet, er kannte besonders eine beruhigende Körperhaltung, die ihn veranlasste, den Kopf zu senken (heraus aus dem Fluchtreflex) und sich langsamer zu bewegen.

So hatte ich ihn an der Longe und Esther, eine ruhige und mutige, junge Reiterin, sollte aufsteigen. Wir hatten den Aufsteiger so gestellt, dass der Weg in die Reithallenmitte frei war – zur Sicherheit. Und es war ein außergewöhnlicher Moment, er bleib stehen als sie sich auf ihn setzte, vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben, blieb er stehen und wartete ab.
Das Lob war groß.
              

Am nächsten Tag – nach erfolgreichem Stillstehen beim Aufsitzen - führte ich ihn 10 Meter und Esther stieg wieder ab.

                
In der folgenden Woche tauschte wir den Reiter, wir mussten Gleichmäßigkeit gewährleisten und Esther hatte einen Arbeitsplatz auswärts bekommen.

            

So begann Susanne Anger, eine engagierte Pferdewirtschaftsmeisterin, ihn zu reiten.
Anfangs blieben wir an der Longe. Jasper rollte sich auf und trat nicht ans Gebiss heran, aber er blieb stets in der gewünschten Gangart. Die Reiteinheiten waren kurz, wir wollten stets so aufhören, dass Jasper emotional noch mittendrin war und keine Zeichen von Ermüdung oder Überforderung zeigte. Und – diese Idee bewährte sich. Er begann immer länger, konzentrierter und gleichmäßiger mitzuarbeiten. Er ließ sich auf verschiedene Kopf-Hals-Positionen ein und hörte auf, sich einzurollen.

            

Erste Dehnungsversuche
              

In den nächsten Wochen stabilisierte sich Jaspers Verhalten beim Reiten mehr und mehr. Er nahm die „Haltung Fluchtreflex“ nur manchmal ein, wenn Susanne sich bewegte oder jemand lauter sprach.
Im April, nach vielen Monaten Winter, beobachteten wir Jasper mehrmals auf der Weide, wie er - immer, wenn die Schulpferde auf den großen Außenplatz zum Reiten gebracht wurden, sich an den Zaun stellte und das Geschehen beobachtete. So entschloss Susanne sich, mit ihm auch dorthin zu reiten.

                     

                                  
Das war eine gute Entscheidung, Jasper blühte förmlich auf. Schon bald ging er in kleinen Gruppen ins Gelände und konnte sich mehr und mehr darauf einlassen, Reitpferd zu sein.

                            
Er trägt einen Sattel mit flexiblem Sattelbaum, den Gerd Röhmke verteibt, darunter ein Pad, das Eberhard Weiss wieder entdeckt und entwickelt hat. Es lässt den Trapezmuskel frei arbeiten. So konnte der Wallach in den vergangenen Monaten gut Muskeln aufbauen.


Nun suchen wir dringend einen lieben, sensiblen und mutigen Reiter, der diesem lieben Wallach ein neues Zuhause gibt.

Sept 2010

                
Ein Video von Jasper findet man unter meinem Profil unter www.facebook.com