Mit zunehmender Sorge beobachte die Entwicklung der Deutschen Reittradition, der Richtlinien und des Deutschen Turnierreitsports.
Diskussionen, Gespräche oder Lehreinheiten werden schwieriger.
Kritische Veranstaltungen wie z. B. die mit Herrn Dr. Gerd Heuschmann polarisieren Publikum und Beteiligte.
Probleme in Methodik und Didaktik sind unausweichlich, da Theorie und Praxis auseinander divigieren. Es gibt keine Einheit mehr, auch innerhalb der Verbandsstrukturen – kein Wunder – was gilt denn nun als erstrebenswert? Die Theorie oder die gängige Praxis??
Die THEORIE, die Richtlinien, die Lehrbücher und die Fachliteratur sind sich einig:
das Genick des Pferdes ist bei aktivem Hinterbein und schwingendem Rücken stets der höchste Punkt, außer in der Dehnungshaltung, bei der jedoch die Pferdenase stets vor oder an der Senkrechten sein soll.
Das hat im letzten Jahrhundert gut funktioniert - Deutschland ist führend in Fragen der Pferdefachliteratur und genießt eine Art Vorbildfunktion in Fragen der Ausbildung von Pferden.
Heutzutage treten Probleme auf, die neu sind. Schlagworte wie Rollkur und Hyperflexion teilen die Pferdewelt. Auf der einen Seite gilt diese Methode als Erfolgsgarantie und effektiv, auf der anderen Seite wird diese Art ein Pferd zu bearbeiten als Tierquälerei bezeichnet und konsequent abgelehnt.
Doch nun wird es interessant.
Während die FN Funktionäre und bekannte Reitausbilder sind klar gegen die Rollkur aussprechen und augenscheinlich die Theorie, Richtlinien und Lehrbücher mit oben genannten Prinzipien beibehalten wollen, sieht der Alltag in Deutschlands Reithallen ganz anders aus.
„Ein bisschen“ hinter der Senkrechten ist normal – gilt langläufig nun als „am Zügel“.
Jedes relativ aufgerichtete Pferd wird kritisch beäugt – "ja, der macht ja den Kopf gar nicht runter, der geht ja nicht rund, der stößt sich ja nicht vom Gebiss ab…."
Fotos in vielen Zeitschriften, Büchern und der allseits Reithallen-Alltag lassen die kritische Fragen offen –
Wissen wir eigentlich noch, was senkrecht ist?
Das mit dem Lot…das physikalisch messbare…..?????
Schulpony Olly im Lot ?!? Interessant ist hier auch seine Oberlippe, die sonst immer entspannt ist ?!?
Weil vorwiegend werden als gut gerittene Pferde hinter der Senkrechten - Gehende abgebildet.
Vorreiter wie Dr. Gerd Heuschmann machen sich stark und erklären uns Laien biomechanische Erkenntnisse über den Bewegungsablauf des Pferdekörpers.
Wir diskutieren über gequetschte Ohrspeicheldrüsen, verringertes Blickfeld und mangelhaft arbeitendes Gleichgewichtsorgan. Wir lernen alles über die Muskeln, Bänder und Sehnen der Pferde. Unser Wissen nimmt deutlich zu.
Dazu kommen unbegrenzte Möglichkeiten der Kompensation … Noch nie gab es so viel Zubehör zu kaufen – Maß-Sättel aller Art, Gebisse und Hilfszügel gibt es in einer nie gekannten Vielfalt.
Dr. Gerd Heuschmann bekommt Lob von vielen Seiten, auch von denen, die als Funktionäre, Richter oder namhafte Ausbilder die Einigkeit zwischen Theorie und Praxis wieder herstellen könnten.
Gleichzeitig propagieren die gleichen Personen, das bisschen hinter der Senkrechten sei doch nicht schlimm.
Ich bin Amateurausbilder – höre von Verbandsseite auf jeder Lizenzverlängerung– dass ich verantwortlich sei, die Richtlinien in der Praxis umzusetzen – schon 2005 habe ich Briefe an Herrn Christoph Hess geschrieben, ab wann denn die Richtlinien nicht mehr gelten, nachdem ich den Abreiteplatz zu einem Grand Prix beobachtet und fotographiert hatte. Die Antworten sind politisch korrekt, aber die Entwicklung in den letzten 5 Jahren läßt die Hoffnung auf Vereinigung von Theorie und Praxis eher erschüttern.
Es mag ja sein, dass der Kommerz überhand genommen hat, dass Richter nicht mehr klar ihre Meinung äußern können, weil sie dann nicht mehr eingeladen werden…
Aber wer übernimmt denn die Tete und macht kehrt????
Nach Gesprächen mit Herrn Michael Putz und Herrn Christoph Hess weiß ich nicht mehr, für wen die Richtlinien gelten. Denn Korrekturpferde, junge Pferde, Sportpferde und schwierige Pferde werden meist hinter der Senkrechten trainiert, den biomechanischen Erkenntnissen eines Herrn Heuschmann widersprechend…
Das Abstoßen vom Gebiss wird biomechanisch nicht hinterfragt.
Wenn ein Pferd „ein bisschen hinter der Senkrechten – auch gerne in etwas stärkerer Anlehnung ist“ und sich dann abstößt, muss es den Kopf doch noch mehr hinter die Senkrechte, wohl auch noch hinter den Zügel bringen oder in welche Richtung soll es sich abstoßen?? Und wie viel „stärkere Anlehnung“ ist noch nicht „auf dem Zügel“???
In Seminaren wird Dehnungshaltung stolz am hingegebenen Zügel gezeigt. Geschrieben steht: Das Pferd folgt der Hand - also Dehnung im Kontakt – das können diese Pferde gar nicht mehr zeigen, weil sie muskulär schon verändert sind.
Auf der PM Tagung bei Philipp Hess in Bettenrode teilte das Publikum sich - zwischen Bewunderung für das gezeigte Reiten und kritischem Hinterfragen.
Für mich war die Anmerkung einer Dame aus dem Publikum besonders beachtenswert. Sie schwärmte von einem Besser Reiten Seminar mit Christoph und Philipp Hess, dort war ein Pferd gezeigt worden, das sich aufrichten ließ und der Hand in die Dehnung folgen konnte.
Zum Bedauern war dieses Pferd nun nicht da, dieses eine Pferd konnte nicht gezeigt werden.
Es wurde deutlich und ein wenig bedauert: In dem renommierten großen Ausbildungsstall war kein Pferd da, das die Kritiker und die Verfechter der Richtlinien zufrieden stellen konnte, weil bei dem großen 6 jährigen (späte Remonte), dem talentierten Pferd auf L/M Niveau und bei dem erfolgreichen S-Dressurpferd blieb die Nase hinter der Senkrechten.
Und wenn ich mir die Fotos ansehe – frage ich folgendes:
Wie weit geht „ein bisschen“ hinter der Senkrechten?
Zugeschnürte Mäuler trotz der in den Richtlinien gewünschtem Freiraum für das kauende Maul?
Wann beginnt denn die abgelehnte Rollkur?
Wann wird aus etwas mehr Anlehnung – auf dem Zügel liegen?
Wann wird aus Abstoßen vom Gebiss hinter dem Zügel?
Ja - das Ziel, von Herr Dr. Heuschmann gewünschte Reiten wie in alten Zeiten – das Pferd aufgerichtet vor sich zu haben, am Sitz und Schenkel mit leichter Hand… wurde als Wunschbild abgetan – wer erlebt das schon??? Wurde gefragt. … Niemad sagte was.
Da frag ich mich doch, wem macht Reiten heute noch Spaß, wer erlebt denn noch solch leichte beschwingte Momente gemeinsamer Leichtigkeit?
In einem zufälligen Gespräch war Herr Putz entsetzt über den Einfluss von Reitlehrern wie Philippe Karl in Deutschland.
Ich finde – bei all meiner Bewunderung für diesen außergewöhnlichen Horseman – wir Deutschen brauchen keinen Philippe Karl, um uns in Schwierigkeiten zu bringen. Das schaffen wir gerade ganz allein.
Als Trainer A (FN) mit diversen FN-konformen Ausbildungen wünsche ich mir die Einigkeit zwischen Theorie und Praxis – Einigkeit zwischen geschriebenen Methoden und dem täglichen Alltag.
Erstaunlicherweise gelte ich als Außerseiter, wenn ich als FN- lizenzierter Ausbilderin in einer fremden Reithalle stehe und sage, bei mir werden die Richtlinien geritten - das Genick bleibt oben und senkrecht ist physikalisch senkrecht – Fleißige Tempowechsel, Dehnung, Aufrichtung und Pausen im Wechsel….
Schon bei der Begrüßung der Beteiligten bei dem Treffen „Classique meets Klassisch“ fragte Eckart Meyners mich, ob ich mich nach vielen Jahren mit Philippe Karl noch mit den Richtlinien identifizieren könnte.
„Wenn die Richtlinien noch geritten werden würden, wäre dieses Treffen wahrscheinlich nie entstanden, wenn die Richtlinien noch der Praxis entsprächen, wäre die Alternative Szene nie so stark geworden… ja, wenn die Richtlinien noch geritten würden, wäre es ein Genuss auf ein Turnier zu gehen und den Grand Prix zu erleben“